Routinierte Rituale.

Jedes Jahr fliegen ab dem 11.11. Konfetti, Korken und scharfe Pointen – zumindest in der literarisch-politischen Fassenacht, wie sie meine Heimatstadt Mainz pflegt. Jedes Jahr treten zum Finale der Fernsehfastnacht „Mainz bleibt Mainz …“ die Hofsänger auf und das öffentlich-rechtliche Fernsehen guillotiniert ihr letztes Lied. Jedes Jahr beendet die Zugente an Rosenmontag das Zugende und es beginnt die größte Fete der Stadt. Nicht jeder mag das und es sei jedem gegönnt, diese außergewöhnliche Sammlung von Ritualen zu verpassen. Denn genau darum geht es im Kern dabei: Rituale, die Sinn stiften, die eine Stadt und ihre Bewohner zusammenschweißen.

Dazu gehört, dass alle, die nicht dazu geschweißt werden oder sich dessen verweigern, das blöd finden und in ihrer Außensicht auf Kommerz und Alkohol reduzieren. Doch das Prinzip trägt uns alle – auch nach Aschermittwoch. Denn es sind Rituale, die unsere Gesellschaft erst zu einer solchen machen, die überall, wo Menschen zusammen treffen, Identität stiften.

Rituale sind so viel mehr als Routinen.

Ich kann jeden Morgen Zähne putzen, weil ich jeden Morgen Zähne putze, irgendwann mal gelernt habe, dass das gut ist und ich mich daran gewöhnt habe. Das ist eine Routine. Wertvoll, keine Frage. Ganz anders hingegen, wenn Kindergartenkinder ihre Zähne putzen: Sie machen ein heiteres Ritual daraus, empfinden die reinigende Routine in ihrer kleinen Gemeinschaft als verbindend, genießen die Reinigung und schöpfen Sicherheit aus dem festen Ablauf, der von der Spiel- und Essenszeit in die Mittagsruhe führt.

Viele Menschen beteuern, ohne ihren Kaffee morgens nicht zum Leben bereit zu sein. Physiologisch, neurologisch und makrobiotisch völliger Unsinn. Und doch ist es vielen von ihnen unverzichtbares Ritual geworden, morgens die erste Tasse mit Routine zu bereiten, dann aber bewusst zu genießen. Sei es mit einer Zigarette, sei es mit einem Croissant, sei es mit der Tageszeitung, auf der Toilette, dem Balkon, zuhause oder in der Bar.

Ich liebe Rituale – und ich verabscheue Routinen. Immer das Gleiche machen, wie schrecklich. Es hat tausend gute Gründe, warum ich kein Steuerberater, Fabrikarbeiter und Grundschullehrer geworden bin. Womöglich fallen mir Vertreter dieser Gruppen jetzt entsetzt in die Feder und beteuern, dass gerade die Beschäftigung mit dem komplexen und dynamischen Steuerrecht, gerade die feinen Veränderungen der Produktionsprozesse, gerade die unendliche Dynamik junger Schutzbefohlener enorm abwechslungsreich und anregend seien. Womöglich haben sie ja auch Recht und ich darf mich darüber nicht erheben – will ich ja auch gar nicht. Für mich wäre es halt nichts.

Da schreibe ich lieber jede Woche Kolumnen, besuche Netzwerktreffen mit den immergleichen lieben Menschen und singe im Fußballstadion die immergleichen Lieder. Denn das sind meine Rituale. Einige wenige davon, es sind derer unendlich viele, die mir erst so Recht bewusst werden, wenn ich darüber bewußt nachdenke – was mir beim Klappern der Tastatur am besten gelingt.

Ritualisierte Ritualerkenntnisse retten mich vor den Ruinen routinierter Routinen.

Rituale sind Routinen, die ein höheres Ziel haben. Es geht dann nicht nur darum, einen Prozess zu durchlaufen, an dessen Ende ein geplantes Ergebnis steht, oft unbewusst ablaufend. Es geht vielmehr darum, eine Handlung aufzuladen, ihr eine andere Dimension zu verleihen. Das bekommt schnell etwas transzendentales. Sei es in eher schlichten Kulten wie unter Jugendlichen, die sich abends auf dem Spielplatz zu Eistee und Mentholzigarette (schwer zu lesen, gell?) verabreden, sei es so richtig schön religiös wie die Segnung des Messweins, der, auch wenn von schlichter Güte, als Blut Christi über jeden Zweifel erhoben wird. Der Gute-Nacht-Kuss für meine Kinder dient ihrer Beruhigung zur guten Nacht, doch tatsächlich ist es unsere letzte von vielen Liebesbekundungen des Tages. Unersetzlich, unerschütterlich, unendlich.

Für Rituale brauche ich niemand anderen, die Tasse Kaffee ist mein Zeuge. Doch sind Rituale in der Gemeinschaft ungleich stärker, schaffen diese, stärken diese, sind Einladungen für andere, sich dazuzugesellen. Wer unseren Schal trägt, unser Lied singt, unser Brot mit uns teilt, ist einer von uns. Wer mit mir Helau ruft und über die Fastnacht wie über sich selbst lachen kann, ist mein Freund. Auch nach Aschermittwoch.

P.S.: Sehen wir uns am Rosenmontag abends in Mainz? Ich bin mit meiner Bateria Infernal auf den Straßen unterwegs. Wir sind ganz leicht zu finden: Laut, mobile Licht- und Tonanlage, hunderte ausgelassen tanzende friedliche Menschen um uns herum …

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