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Entschuldigung, Herr Prokop!

Herr Prokop war mein Mathelehrer in der Oberstufe, eine Zeit, in der bezahlbare programmierbare Taschenrechner aufkamen. Mit meinem Casio konnte ich die komplexen und langwierigen Statistik-Berechnungen der Oberstufe rasend schnell erledigen – schließlich hatte ich vorher viel Zeit in die Programmierung gesteckt. Herr Prokop wollte aber auch die Zwischenergebnisse wisen. Habe ich eben Zwischenschritte einprogrammiert und immer 15 Punkte kassiert. Ich weiß nicht, ob Herr Prokop das wusste. Schlechtes Gewissen hatte ich keines, ich hatte ja selbst alles programmiert, musste das Thema also komplett durchdrungen haben.

Es ist eine Frage der Ethik – wie so oft. Ist legal, was möglich ist, ist es lediglich legitim oder einfach nur schändlich? Wird – frei nach J.R. Oppenheimer – ohnehin alles gemacht, was möglich ist? Mein Mathe-Abi dürfte verjährt sein, doch die Frage bleibt immergrün.

In den USA stellte eine anonyme Mitarbeiterin eines großen Unternehmens eine vergleichbare Frage. Sie habe einen Algorithmus geschrieben, mit dessen Hilfe sie ihre auf 40 Stunden pro Woche ausgelegte Arbeit in etwa zwei Stunden erledige. Nun frage sie sich, ob sie das ihrem Chef sagen müsse.

Die Frage ist ausgesprochen vielschichtig. Wird sie pro Stunde Arbeitszeit bezahlt oder für das erwartete Ergebnis ihrer Mühen? Was würde passieren, wenn sie auffliegt? Immerhin hatte sie ein paar kleine Fehler eingebaut, damit die Ergebnisse möglichst menschlich wirken. Und was, wenn sie gesteht?

Wird sie dann gefeuert oder befördert? Wie viele der 38 Stunden, die sie Dank ihrer Kompetenz pro Woche für eigene Projekte und ihre Kinder hatte, darf sie weiterhin dafür einsetzen?

Tatsächlich geht es um Arbeitsrecht, um das Verhältnis zu menschlicher Arbeitskraft, die Art, wie Arbeitgeber ihre Mitarbeiter betrachten sollten und das grundsätzliche Verhältnis im Umgang mit Maschinenunterstützung.

Ich habe lange darüber nachgedacht, wie ich als Arbeitgeber reagieren würde. Der erste Reflex wird sicher Ärger sein, sich betrogen zu fühlen, verbunden mit staunender Bewunderung, dass so etwas möglich ist und dass es niemand gemerkt hat. Jedoch hoffe ich, den Reflex blitzartig unter Kontrolle zu bekommen und mit dem Stolz zu überlagern, eine so fähige Mitarbeiterin zu haben. Wieso bin ich nicht selbst darauf gekommen? Wahrscheinlich würde ich ihr Gehalt spürbar erhöhen, um sie zu halten. Womöglich würde ich sie bitten, vier weitere Algorithmen zu schreiben und mir eine Liste mit vier Namen zu geben, damit ich diese Menschen an anderer Stelle einsetzen kann.

Und so ist es neben der Ethik auch eine Frage der Haltung, weil ich eben alles aus verschiedenen Perspektiven betrachten kann, in diesem Fall aus der Wutecke, sogbelogen worden zu sein, so viel Geld für so wenig Arbeit bezahlt zu haben – oder eben die Chancen zu sehen, die in der Veränderung liegen, um für alle ein besseres Ergebnis zu erzielen.

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