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Ich widerspreche.

Irgendwo in den Niederungen der Fußball-Amateur-Ligen wurde die Tage ein Schiedsrichter niedergeschlagen. Der Verband reagierte routiniert empört. Man müsse die Schiedsrichter besser schützen. Das sehe ich anders. Wir müssen ein paar Stockwerke tiefer fahren und – auf die Gefahr, altmodisch zu klingen – wieder anständig werden.

Es gibt so viele Beispiele, die belegen, dass unsere Gesellschaft verroht. Auf dem Radiosender SWR3 geht um die Wiedereinführung von Grenzkontrollen. Ein Hörer schlägt per WhatsApp vor, Straftäter zu chippen – vorgelesen vom Moderator und unwidersprochen.

Soziale Netze sind voller menschenverachtender Fotos und Montagen über Politiker, z.B. Merkel in der Kloschüssel – unwidersprochen und applaudiert. Menschen ertrinken im Mittelmeer und es gibt ernsthaft Diskussionen, ob sie gerettet werden dürfen. Die Grünen-Politikerin Renate Künast muss sich gerichtsfest aufs Übelste beschimpfen lassen.

Rettungskräfte werden im Einsatz von Menschen auf der Straße behindert und angegriffen – und selbst wenn ein Anarcho-Gen im Stammhirn Widerstand gegen Polizisten goutieren sollte, wer bitte greift einen Sanitäter an, der unbewaffnet ohne Gewaltmandat Leben retten will?

Amerikanische Eliteeinheiten jagen einen Terrorführer in den Tod – immerhin widersprochen vom Mainzer Bischof Kohlgraf.

Je mehr Beschimpfungen, Verunglimpfungen und unwürdige Darstellungen wir unwidersprochen zulassen, desto weiter verschiebt sich die Grenze des Anstands. Ich will das nicht.

Wir können inhaltlich über alles reden – und es ist auch möglich, in einer Debatte nicht einer Meinung zu sein, ohne sich die offene Feindschaft zu erklären. Aber mit Menschen (und Parteien), die menschenunwürdig reden, kann es kein Gespräch geben, solange sie dies nicht ändern. Keinen Fußbreit den Faschisten, lautet meine Devise.

In der Präambel unseres Grundgesetzes heißt es „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Also bitte, helfen wir doch dem Staat dabei.

Da sagen manche, es sei eine Frage der Einstellung, man könne mit Humor nehmen, müsse nicht zu ernst nehmen und wiederum andere, das müsse man ja wohl sagen dürfen.

Mag sein, doch ich finde, wir müssen sehr wachsam sein, dass wir nicht verschenken, was über Jahrhunderte mühsam errungen wurde, nämlich unsere auf unveränderlichen Werten basierende freiheitliche Grundordnung, deren Ausdruck unser Grundgesetz, die soziale Marktwirtschaft und eine gewaltfreie Zivilgesellschaft sind und hoffentlich bleiben.

Ja, ich kann solchen Menschen aus dem Weg gehen, meinen Facebook-Newsfeed abschalten (worüber ich ernsthaft nachdenke) und alle Kraft darauf verwenden, positive Impulse zu senden und zu empfangen. Bitte nicht falsch verstehen, das ist eine großartige Idee, der ich mich verpflichtet fühle. Doch wenn ich sie nicht sehe, verschwinden die Unanständigen nicht vom Antlitz der Erde, wir blinzeln in die gleiche Sonne und sie atmen Luft ein, die ich ausgeatmet habe (oder umgekehrt).

Wer sich tagein tagaus damit befasst, wird krank und paranoid. Doch wenn Menschenfeinde in unsere heilen Welten eindringen, müssen wir widersprechen, der großen Sachen wegen. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Reaktionären die Deutungshoheit übernehmen und den Diskurs dominieren mit dem schrecklichen Effekt, dass sich die Grenzen des Anstands immer weiter verschieben, das Undenkbare ausgesprochen hoffähig wird.

Um es mit dem gestern, dem Tag der Reichspogromnacht, über dem Mainzer Staatstheater aufgehängten Transparent und damit mit Bert Brecht zu sagen: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“

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