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Das Baumhaus.

Im Garten lag ein furchteinflößender Haufen Bauholz vom feinsten. Einige Tage war ich bereits respektvoll an ihm vorbeigeschlichen. Morgen würde ich anfangen, mein Baumhaus zu bauen. Und dann morgen. Und dann wollte ich gerade loslegen, als sich mein Rücken meldete. Schmerzen, die unmöglich erlauben würden, 14-Zentimeter-Kanthölzer in mehreren Metern Länge zu bewegen. Ich beschimpfte meinen Rücken, überwand mich, wollte wenigstens den ersten Schritt gegangen sein, die erste Schraube – ein Sargnagel ist eine Reißzwecke dagegen – ins Holz drehen. Daraus wurden mehrere Stunden harter Arbeit, die Schmerzen waren mit der ersten Aktion weg, die Grenze der Komfortzone überwunden.

Nun will ja nicht jeder ein Baumhaus bauen, womöglich schafft nicht jeder den nötigen Grenzabstand. Oh ja, selbstredend hält mein Baumhaus den nötigen Grenzabstand ein. Wir haben zwar nette Nachbarn, aber das muss ja nicht immer so sein. Der von der Fahrschule ist ja auch nicht mehr so nett, seit ich ihn gebeten habe, die weiße Linie, die den Parkraum von unserer Einfahrt scheidet, etwas genauer einzuhalten.

Ich nehme das Baumhaus als Sinnbild des Lebens – und so gesehen rate ich schon, sich mit Projekten zu befassen, die anfänglich eine gute Nummer zu groß erscheinen. Den Bau habe ich akkurat vorbereitet. Wenige wissen das und kaum jemand ahnt es: Ich kann sehr penibel sein. Zumindest, so lange es mir Spaß macht. Deswegen war von Anfang an klar: Mal eben Schrottholz zusammenspaxen ist nicht. Wenn schon, denn schon.

Ein gutes Projekt beginnt nicht im Jippiejaja-Markt, sondern zwischen den Ohren, am Reißbrett und im Internet. Ich habe also erstmal gründlich recherchiert: Wie Zimmerleute Balken verbinden, welche Winkel sie verwenden, welche Hölzer und so weiter. Dann habe ich nach dokumentierten Baumhäusern gesucht. Ein Füllhorn! Die meisten Männer – meist auch Väter, aber nicht alle – hatten etwa 25 Prozent ihrer Zeit auf den Bau des Baumhauses und 75 Prozent auf die Dokumentation im Internet verwendet. Ich habe einen gefunden, der war beruflich viel in Zügen unterwegs. Um sich dafür zu bestrafen, erstellte er vor dem Baumhausbau professionelle und maßstabsgetreue CAD-Zeichnungen – in PowerPoint! Das ist, als würde man seinen ersten Roman mit dem Lippenstift schreiben.

Weitere Erkenntnis: Frauen bauen keine Baumhäuser. Das ist, so mein Rechercheergebnis, ein reines Männerding. Wenn das jemand besser weiß, bitte melden! Ich kann dies allerdings quasistatistisch untermauern, denn wenn Pärchen zu uns zu Besuch kommen, interessieren sich die Männer immer, die Frauen nie für mein Baumhaus. Ich ziere mich dann kurz. Aber nur kurz, um auf keinen Fall nachlassendes Interesse zu provozieren. Denn ich rede ja so gerne über die Konstruktionsprinzipien, die verschiedenen Bauphasen, den Schweinehund zu Beginn, bekräftige, dass es sich um mein Baumhaus handele und ich keinerlei Hilfe wollte und schon gar nicht gebraucht hätte.

Nun ja, das ist nicht ganz richtig. Tatsächlich habe ich Hilfe benötigt. Aber dafür sprang eine wundervolle Geschichte heraus. Ich habe das Baumhaus nämlich in Form eines Stuhls gebaut. Mein Entwurf, versteht sich. Vier Beine, von denen drei gebaut sind, eines nur gedacht, weil das rot ummantelte Stahlseil um den festen Ast des Nussbaums läuft und an der hinteren Ecke das Plateau hält, also gefühlt vier Beine, wie ein Stuhl. An einer Seite dann ein Rahmen, immer in 14er-Kanzhölzern, der aussieht wie die Rückenlehne eines Stuhls.

Da ich keine Seilwinde und keinen Kran zur Verfügung hatte, sondern nur Handwerkzeug und meinen festen Willen, habe ich den „Stuhl“ auf der Seite liegend montiert. Da war der Zeitpunkt unvermeidlich, zu dem diese riesige und riesig schwere Konstruktion aufgerichtet werden musste. Das hatte ich tatsächlich nicht bedacht und war ratlos. So ging ich zu unseren Nachbarn (mittlerweile Ex-Nachbarn), einer sehr sehr sehr kinderreichen Familie, deren älteste männliche Mitglieder in der Garage neben den beiden Waschmaschinen allerlei Stangen und Gewichte horteten und in ihrer reichen Freizeit unter martialischem Grunzen Eisen bogen.

Klar mochten sie helfen und so gingen die drei größten mit mir zu meinem umgefallenen Stuhl. Ich war gerade dabei, zu erklären, was zu tun sei und welche Sicherheitsmaßnahmen ich mir so überlegt hatte, da – rumms – stand der Stuhl auch schon auf seinen drei Beinen. Sie hatten ihn hingestellt wie ich das mit einer umgefallenen Wasserflasche mache. Ob ich noch etwas hätte? Nein, das wäre dann alles. Danke!

Ansonsten habe ich mir fachmännische Absolution erteilen lassen. Der Holzprofi, der mir das Material liefern durfte, hatte vorher meinen handgezeichneten Plan und hinterher die fertige Konstruktion begutachtet und seinen Segen gegeben.

Ich habe heute den ganzen Tag daran weitergebaut, ein wenig repariert, den Baum wieder freigesägt, Geländer montiert. Nun habe ich Hände wie ein Maurer – wenigstens fühlen sie sich so an, ich bitte also etwaige Tippfehler zu entschuldigen!

Wenn dich also das nächste Mal der Gedanke durchfährt, dass es eine gute Idee sein könnte, ein Baumhaus zu bauen, Grenzen zu überwinden und dir Ewiges zu schaffen – gute Idee, geh ihr nach!

P.S.: Es gibt auf Facebook ein Bilderalbum zum Baumhaus …

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