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Deppenfasten für Fortgeschrittene.

Die gewählte Metapher des Fastens für den reduzierten Umgang mit „Deppen“ war gut gewählt, zeigt mir die Zeit. Denn die Umsetzung ist schwieriger als gedacht, die Entbehrungen sind groß, wie auch die Verlockung, das Fasten zu brechen.

Setz dich doch mal eine Stunde in das Restaurant eines Möbelmarktes und höre alle zwei Minuten, wie ein Kind – besser: seine Eltern ausgerufen werden, weil das Kind abgeholt werden möchte. Bei renitenten Kindern: abgeholt werden soll. Da sind Namen dabei, die liegen in der Nähe eines Straftatbestands. Deppenfasten wird einem da nicht leicht gemacht.

Ich mag ja keine politischen Kampfbegriffe, aber immer samstags wird das Fasten besonders hart: Das Establishment pöbelt dann über die Freitagsdemonstrationen der Schüler – #fridaysforfuture. Das sei nur für Profis, sie sollten lieber in den Klassensaal, um schlauer zu werden, man werde ihnen keine Nachhilfe finanzieren. Das sagen nicht Stammtischbrüder, Kegelschwestern und Berufsreaktionäre. Das sagen Vorsitzende demokratischer Parteien und Bundesminister. Also jene, die nach hinten geschaut die Verantwortung für den – wie ich finde – mehr als berechtigten Unmut tragen und nach vorne betrachtet heute dafür sorgen müss(t)en, dass jene, die da protestieren, eine lebenswerte Zukunft haben.

Ich finde diese billige Schmieren-Polemik gegen die Schülerdemos zunehmend unerträglich. Dieses altvordere Stammtischgeblöke belegt in der Nussschale, warum Menschen von der Politik die Schnauze so randvoll haben. Auf Knien sollten sie nach Schweden rutschen und sich bedanken, dass ein kleines Mädchen es schafft, junge Menschen für eine Sache auf die Straße zu bringen, sich für ihre Welt einzusetzen und von den großmäuligen Geldverbrennern, Umweltzerstörern und Rüstungslobbyisten aller Parteibücher auf allen Ebenen mehr zu fordern als blutleeres Gehechel von Wahltag zu Wahltag.

Sie sollten deren Sorgen ernst nehmen, ihnen Angebote machen, für Gespräche und für Aktionen. Sie sollten sie aufklären, statt sie auszulachen, sie einbinden statt auszugrenzen, sie in die Verantwortung nehmen statt sie auszugrenzen, sich offen zeigen statt an der eigenen Unwägbarkeit zu arbeiten.

Gar nicht so einfach, die Sache mit dem Deppenfasten.

Ich habe zum ersten Mal eine Live-Übertragung aus dem britischen Parlament gesehen. Wenn, weil und so lange mir Deppenfasten gelingt, ist es zum Totlachen. Dieser Schreihals, der Oooooodddääääääää brüllt, die fünf Lakaien, die nickend nach vorne schreiten, „The Amendment to Amendment I“, der Wechselgesang von Männern, die – wenigstens ein Trost – sehr gut sitzende Anzüge tragen. Pure Comedy. Monthy Python, so meine Erkenntnis der Übertragungen, war keine Comedy-Truppe, sondern eine Dokumentarfilmabteilung der BBC, die es nicht auf die Hauptsendeplätze geschafft hat.

Und dann noch – es war  eine „deppenreiche“ Woche, die Sache mit dem Personal. Ich weiß, dass viele Unternehmen Personal suchen: Handwerker, IT-Spezialisten, niedere Dienstgrade. Doch meine persönliche Erfahrung, die aufs Ganze zu übertragen ein Privileg des Kolumnisten ist, legt nahe, dass wir hier zu Lande keinen Fachkräftemangel haben, sondern dass es den Fachkräften an allem Möglichen mangelt. Allem voran Zuverlässigkeit, dann, in der Reihenfolge leicht absteigender Bedeutung, Verantwortlichkeit und Menschenverstand.

Tief durchatmen, nochmal von vorne: Am einfachsten kannst du deppenfasten, indem du jeglichen Kontakt zu Deppen ganz vermeidest. Wenn das nicht gelingt, über sie lachen. Das lässt sich im Strassenverkehr sehr gut üben. Wenn dennoch ein innerer Furor aufquillt, lächle und frage dich, was diesen Menschen wohl dazu gebracht haben mag, so zu werden. Das entspannt.

Aber ganz ehrlich – und das ist eine meiner schwerwiegenden Erkenntnisse dieser Fastenzeit. Es klappt nicht immer, dann bekomme ich einen Fressflash, ärgere mich, schimpfe wie ein Rohrspatz, quasi ein rhetorischer Fressflash. Danach geht es meistens wieder viel leichter. So wie jetzt.

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