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Der Esel im Fachgeschäft.

Vor ziemlich genau einem Jahr war ich in der Innenstadt in einem Fachgeschäft. Von gastronomisch motivierten Besuchen abgesehen, hatte ich sehr lange keinen kleinen lokalen Einzelhändler besucht. Meinen Bedarf decke ich online und mit Freude in den Geschäften unseres Ortsteils. Doch ein Schreibwarengeschäft gibt es bei uns nicht – also ab in die City, ein Füller sollte es sein, ein Geschenk.

Ich lasse mal Baustellen, heruntergekommene Läden, Leerstand, genervte Feierabend-Hetzer und das schlechte Wetter aus und setze die Geschichte im Fachgeschäft der Wahl fort. Hier kauft der Mainzer seine Schreibwaren, wenn er Kaufhausketten, Büromärkte auf der grünen Wiese und Amazon ignoriert. Der Laden ist so groß wie unser Wohnzimmer (also groß) und das über zwei Etagen.

Oben empfängt mich eine mittelfreundliche Dame. Aufgrund ihrer Frisur und des Gebisses erinnert sie mich an ein Pferd. Sie berät das Nötigste, nicht unfreundlich, aber auch nicht so, dass ich sie hier loben wollte. Ein einfaches, aber schönes Füller-Modell gefunden – ja, das gebe es in verschiedenen Farben. Neben dem Pferd und mir ist nur noch eine zweite Verkäuferin halben Alters (dennoch kein Fohlen) im oberen Verkaufsraum. Um die Farbe auszusuchen und das Gerät zu erwerben solle ich nach unten gehen.

In meinem Hinterkopf schreit ein Gallier „Sagst du mir jetzt, wo Tragicomix ist?“

Ich trabe wortlos hinunter und stehe in einem zweiten Wohnzimmer – voll mit Regalen und gefühlt 250.000 Stiften. Ich fühle mich verloren wie auf der Startseite eines Shopping-Portals – nur ohne Suchfunktion und übersichtliche Navigation. Hinter einer Kasse steht ein weiblicher Maulesel und schaut schwer beschäftigt auf seine Kasse. Neben uns ist noch eine greise Kundin im Raum und erwirbt ihr Gnadenbrot.

Einen Füller und als Impulskauf drei Holzstifte später stehe ich ihr an der Kasse gegenüber. Die vier Stifte und Patronen liegen auf dem Tresen. Ob sie vielleicht eine kleine Papiertüte hätte. Ja, habe sie. Und ob sie wisse, wo man den Füller mit dem Namen des zukünftigen Besitzers gravieren lassen könne. Ja, lächelt sie siegessicher und schickt mich zu einem Sicherheits- und Schlüsselladen, etwa 50 Meter entfernt. Man kennt sich im qualifizierten Einzelhandel, sagt ihr Lächeln.

Um Argwohn, wie er auch mir innewohnte, gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen: Den Füller gibt es online nicht günstiger.

Also auf zum Graveur. Der Laden ist so groß wie unsere Küche – also klein. Ist ja keine Küche. Darin befinden sich hunderte von Schlössern. Zum vorhängen, schieben, verketten; für Türen, Fenster, Rollläden, Koffer, Schränke und den ganzen Rest. Dazu Tresore, eine feuerfeste Kiste für Dokumente und ein langer Tresen. Davor steht ein Kunde mittleren Alters, ein Esel. Dahinter ein Hirtenhund mit Verkäuferausbildung, einem jungen Gesicht und einem altem Gemüt. Der Esel verlangt ein bestimmtes Vorhängeschloss. Das einzige, dessen Platz an der Vorhängeschlösserwand leer ist. Struppi erklärt ihm kompetent, doch einschläfernd, die Lage.

Ich warte stoisch und höre hinten im Laden, wie sich zwei weitere Mitarbeiter unterhalten. Sehen kann ich sie nicht. Das erklärt, warum ich warten muss. Sie sehen mich ja auch nicht. Der Wuschelhund hat mit dem Esel schon genug zu tun.

Wenn Esel glauben, etwas verstanden zu haben, reißen sie den Mund ganz weit auf und legen den Kopf nach hinten.

Während dieses würdelosen Schauspiels kommt eine Frau in den Laden, es wird langsam voll. „Das wäre das Modell mit 80 Millimetern Länge der Baureihe XPS wie dieses hier“, doziert Bello und wartet darauf, dass Esel den Kopf zurück wirft. Derweil schaut sich die Frau wortlos um und verlässt nach einem durchaus interessierten Rundgang den Laden so ungegrüßt wie sie ihn betreten hat.

Der Esel bestellt das beste Schloss von allen. Genauer: Er bestellt drei Stück. „Hat sich ja mal wieder gelohnt“, bellt der Junge unhörbar in seinen Bart und füllt das Bestellformular DIN A4 mit drei Durchschlägen aus. Eines bekommt der Esel, die anderen bleiben im Laden.

Zufrieden und ausgiebig verabschiedet geht Esel, mittlerweile ist es draußen auch schon dunkel. Ich bin dran, der Wauzi schaut mich freundlich an. Ich warte einen Moment, ob gleich die Zunge heraushängen wird, frage dann aber doch meine Frage. „Gravuren machen wir nicht“, winselt der Kerl. Ob er denn wisse, wo … Ja, lächelt er siegessicher, bei Stempel Dingsda am Kaiser Wilhelm-Ring. Aber die hätten jetzt schon zu: „Ist ja schon halb fünf!“

Ein Jahr nach diesem Erlebnis stolpere ich zufällig in die Auflösungsfeier eines Porzellanwarenfachgeschäfts. Für Sekt hat es noch gereicht. Ich greife zu, nippe daran, da erst erkenne ich sie: Das Pferd, der Maulesel und der Hirtenhund tanzen aus Solidarität mit ihren Verkäuferkolleginnen und -kollegen und -diversen den letzten Tango. Da höre ich den Maulesel wiehern: „Das ist alles wegen dem blöden Internet!“

Ich bin Guido Augustin, Autor, dies ist Guidos Wochenpost. 

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