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Oben klar und unten dicht.

Peter Beckhaus, begnadeter Fassenachter, zitierte einmal die legendäre Hildegard Bachmann: „Oben klar und unten dicht, mehr wünscht man sich im Alter nicht!“ Was habe ich von Herzen gelacht! Heute weiß ich, er sprach witzgewordene Weisheit. Vergangene Woche hatte ich das zweifelhafte Vergnügen, unser Gesundheitssystem ausgesprochen subtil kennenzulernen. Ja, die Eindrücke sind punktuell und subjektiv. Vielleicht aber auch nicht.

Ich durfte lernen, dass Hausärzte mehrere Stunden brauchen, um eine Einweisung und einen Transportschein auszufüllen. Eine Einweisung brauchst du, um in einem Krankenhaus aufgenommen zu werden. Es ist jedoch keine Garantie. Einen Transportschein brauchst du, wenn du so kaputt bist, dass du nicht selbst fahren oder auf einem Beifahrersitz sitzen kannst. Jedoch ist auch das keine Garantie für einen Liegendtransport. Es kann nämlich passieren, dass du erst zwei Stunden auf einen Krankenwagen warten musst und dich dann die Sanitäter anblaffen, weil es ein Liegendtransport werden soll. Wie frech. „Wir haben auch nur einen Rücken!“ – „Dann wechsle deinen Job und geh zur SPD, da brauchst du kein Rückgrat und Freundlichkeit ist kein Karrierekriterium.“ Habe ich nur gedacht. Ich sage besser nichts. Nicht dass hier einer nachtragend ist. Ob Sanitäter mit nur einem Rücken Wortwitze verstehen?

Die Überlastung der Rettungswagen sorgt dafür, dass der gesundheitliche Vorteil des komfortableren Profi-Transports durch die schmerzerfüllte Wartezeit mehr als ausgeglichen wird.

Im Krankenhaus nimmst du als Besucher den Personenaufzug. Wenn du kein Besucher, also Patient oder Begleiter eines Patienten bist, bist du kein Besucher, sondern eine Last. Deswegen musst du den Lastenaufzug nehmen. Dies ist keine ausgedachte Pointe, es ist Realität. Auf dem großen Schild über dem Lastenaufzug steht: „Lastenaufzug. Besucher bitte den Personenaufzug benutzen.“

Dass du dem System eine Last bist, bekommst du als Patient an jeder Ecke zu spüren. Wenn du ins Krankenhaus willst, hast du mehr als ein Problem. Nicht nur, dass es dir nicht gut geht. Du musst dazu noch ein Krankenhaus finden, das dich nimmt. Das ist übrigens deine Aufgabe, das macht der Hausarzt nicht. Klingt einfacher, als es ist, denn die Krankenhäuser haben alle keinen Platz. Ein Angebot für eine Unterbringung auf dem Flur ist da schon viel wert. Diese Erfahrung machte ich übrigens in Deutschland, nicht in Vietnam, Französisch Guyana oder Washington im Shutdown.

Ich durfte auch lernen, was es bedeutet, wenn ein Krankenhaus von seinem Oberarzt „ausgeloggt“ wird. Ein technokratischer Euphemismus für „Aufnahmestopp“. Meine subjektive und punktuelle Erfahrung: Morgens um 11 wird ausgeloggt und gut. Merke: Wenn Du Dir den Hals brechen magst, tu das bis spätestens 8 Uhr morgens, sonst liegst du auf dem Flur oder zuhause.

Es gibt übrigens doch eine Garantie. Nämlich die, dass das Krankenhaus an deinem Wohnort dich nicht abweisen darf. „Wenn wir aber kein Bett haben?“ fragt der Assistenzarzt mit depressivem Schulterzucken als erwartete er von mir, ihm das System zu erklären und auch gleich zu retten.

Später, viele Stunden später, erfährst du dann, dass „ausgeloggt“ nicht das Ende ist. Es scheint eine Regel zu geben, dass du dir mit warten ein Bett in einem anderen Krankenhaus verdienen kannst. Vier Stunden müssen es aber schon sein. Danach ruft der eine Arzt den anderen Arzt auf einer Geheimnummer an, redet lateinisch und plötzlich ist ausgeloggt doch nur ausgeloggt und die vorher ausgeloggt mit vollen Fluren waren, haben plötzlich ein Bett für dich. Fühlt sich an wie ein Vierer im Lotto. Irgendwie schön, aber irgendwie auch nicht so richtig. Dann darfst du wieder auf einen Krankenwagen warten, der dich da hinbringen soll. Für warten auf den Krankenwagen gibt es aber keine Bonus wie eine Chefarztvisite for free oder einen doppelten Pfefferminztee. Schade.

Da mich zuletzt immer häufiger das unangenehme Gefühl beschleicht, dass unser Land immer weiter abrutscht und wir in unserem Verwaltungs- und Bürokratiewahn unserer Juristenschwemme schutzlos ausgeliefert sind, fielen diese unangenehmen Eindrücke bei mir auf fruchtbaren Boden.

Also schaut bitte zu, dass ihr oben klar und unten dicht bleibt, bis unser Land sich wieder im Griff hat. Gut, dass wir immer älter werden.
Ich bin Guido Augustin, Autor, dies ist Guidos Wochenpost.

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