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Gefallene Helden.

Die Zeit kennt keine Gnade. Sie schält das Alter aus der Hoffnung, zerreibt Bände der Freundschaft und rüttelt an den Sockeln unserer Helden. Sind unsere gefallenen Helden noch unsere Helden – oder Gefallene, deren Asche vergangener Glorie wir Frieden wünschen?

Dass Michael Jackson in vielerlei Hinsicht anders war als alle anderen, wusste jeder, der auch nur einen Flügelschlag lang darüber nachgedacht hat. Seine öffentlichen Auftritte haben wir bewundert und kopfschüttelnd begleitet, je nachdem, welcher Beat dazu lief. Was hingegen hinter den lollibunten Mauern seiner Neverland-Ranch geschah, kommt erst jetzt detailliert ans Licht. Der König des Pop ein schrecklicher Mensch? Das ändert nachträglich nichts an seiner Musik, doch womöglich manches an unserer Bewertung. Weil Kunst ohne Kontext nicht sein mag. Schützend abwinken oder ein schaler Beigeschmack, wenn uns das nächste mal „Thriller“ auf der Tanzfläche begegnet?

Was, wenn ein Mensch eine bestimmte Geisteshaltung vertritt, die wir nicht akzeptieren mögen? Bleiben wir in der Musik, da kenne ich mich aus: Chick Corea, der wunderbare Pianist und Keyboarder, der 1968 zu Miles Davis stieß, dort Herbie Hancock ersetzte und mit Miles „Filles de Kilimanjaro“, „In a Silent Way“ und „Bitches Brew“ aufnahm, hier als Soundtrack ein Live-Auftritt von 1970. Dieser Chick Corea, Jazz- und Fusion-Legende, Weltstar, ist bekennender Scientologe. Deswegen durfte er 1993 in der Nähe der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Deutschland nicht auftreten, da die Landesregierung sich an ihre eigene Scientology-Klausel hielt, die ja bei den meisten Unternehmen mittlerweile Standard ist.

Ich beobachte mich selbst und stelle fest, dass mir Chick Coreas religiöse Ansichten (sagt man das so auch bei Scientologen?) herzlich egal sind und ich weiter seine Musik unbeschwert hören kann. Bei Michael Jackson ist das anders. Wir haben auch in meiner Samba-Band Bateria Infernal (am 5. Mai wieder offizieller Beschleuniger beim Gutenberg-Marathon!) diskutiert, ob wir im Rahmen unseres Samba-Reggae-Potpourris noch „They don’t really care about us“ spielen wollen, dabei ist das immer eines der Highlights unserer Auftritte. Allein die Titelzeile bleibt einem ja heute im Hals stecken.

Die Suche nach gefallenen Helden fliegt weit über den Dunst der Kunst hinaus. Ich hatte einen besten Freund. Wir gingen durch dick und dünn, haben uns gemeinsam systematisch vergiftet, gestritten, gelacht, gelebt, gelitten, gearbeitet, gefeiert, gefeuert. Alles, was das pralle Leben so hergab und noch mehr. Heute weiß ich gar nicht, wie es ihm geht. Er hat auch keine Ahnung, wie es mir geht. Es ist, als stünden wir in einer Fabrikhalle nebeneinander und könnten einander nicht hören, weil die Maschinen eingesetzt haben. Darüber bin ich sehr traurig. Ich weiß gar nicht, wie man dazu sagt … Sagt man „ich hatte einen Freund, der ..?“ Oder „Ich habe einen Freund, der früher ..?“

Kippt die Stimmung an die Erinnerung, weil wir vergänglichen Banden unsere Enttäuschung nachtragen? Muss, kann, soll und will ich neu bewerten, was war, weil heute anderes Licht darauf fällt?

(Tiefer Atemzug)
Papa der Allergrößte, kann alles, weiß alles. Mama unverwundbar, wunderschön, so stark. Schon in der Pubertät reißen ihre Sockel ein bisschen – und doch trotzen sie allen Stürmen. Aber die Zeit lässt nicht nach und eines Morgens schreckst du vom Donnerschlag auf und siehst, was du gestern noch nicht gesehen hast. Sie stehen nicht mehr, wo sie standen, sie sind alt, ganz plötzlich, sie brauchen dich, alles ist anders. Ohne Vorbereitung, ohne Milde.

Ja, die Zeit kennt keine Gnade, das Alter, Freundschaften, unsere Helden. Sind unsere gefallenen Helden noch unsere Helden – oder Gefallene, deren Asche vergangener Glorie wir Frieden wünschen?

Es ist eine unserer menschlichsten Aufgaben, die Erinnerung zu schützen vor neuem Licht anderer Zeiten. Denn mit jeder Wolke, die auf- und wieder abzieht, verändert sich alles, wechselt die Richtung, leben und sterben wir ein klein bisschen mehr. Achtsamkeit: Der Moment von eben darf der Moment von eben bleiben, in all seiner Schönheit, seiner Tragik, seinem Schmerz, seiner Belanglosigkeit, seiner Tiefe. Dann kommt der nächste.

Roulette spielen ist nur so lange fair, bis die Kugel fällt.

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