Der Zug nach Rom.

Mein Opa mütterlicherseits war Jogi, Indianerhäuptling, Übersetzer, der Hans. Bei anderer Gelegenheit hatte ich sein rührendes „Eros ist schlafen gegangen“ verarbeitet. Heute geht es um spontane Gelassenheit und den Fernzug nach Rom.

Mein Opa war und ist für mich eine geradezu mythologisch überhöhte Gestalt. Das liegt vor allem daran, dass er früh nach Bogota auswanderte, meine jüdische Oma in den dunklen deutschen Jahren nachholte, meine Mutter dort geboren wurde, er dort blieb und im Alter starb, kurz bevor er zu uns kommen wollte. Und daran, dass er am gleichen Tag wie ich Geburtstag hat. Das allermeiste, was ich von und über ihn weiß, stammt aus Erzählungen.

Einmal, so die Legende, als er in Deutschland zu Besuch war, ging er zum Bahnhof, um sich eine Zeitung zu kaufen. Da hörte er, wie der Fernzug nach Rom aufgerufen wurde – und stieg kurzentschlossen ein. Tatsächlich mag das so spontan nicht gewesen sein, denn eine andere Legende besagt, dass in Rom einer seiner verehrten Jogi weilte, den er unbedingt treffen wollte.

Wie dem auch sei: Mein Opa Hans soll ein ausgeglichenes Wesen gehabt haben, auch wegen seiner Yogaübungen. Konnte schon mal vorkommen, dass er auf dem Kopf stand, wenn man ins Zimmer kam. Das habe ihm, so die Kritik, die euphorischen Momente geraubt. Zugleich, so meine Interpretation, in schweren Stunden tiefe emotionale Täler erspart.

Es scheint, als hätte er in seinem bewegten Leben vom Leipziger Sängerknaben zum Pharmamanager zum bescheiden lebenden Übersetzer und Sprachlehrer seinen Korridor gefunden gehabt. Einen Korridor, der ihn vor extremen Emotionen schützte – in beide Richtungen.

Wir wollen ja alle gerne spontan sein, Emotionen erlauben: „Lass es aus dir raus!“ Dieser Trend ist sicher eine der großen gesellschaftlichen Errungenschaften, weil erst zugelassene Emotionen Empathie möglich machen und darauf Menschenwürde, Solidarität, Humanität wachsen können. Fragt doch mal die Kriegsgeneration.

Andererseits gefährden unkontrolliert aufgedampfte Emotionen unseren Seelenfrieden, unsere Gesundheit, unser Wohlbefinden. Wenn ich auf jeden Fernzug springe, der vielleicht irgendwann eine interessante Destination erreichen könnte, was dann? Wo bin ich dann zuhause? Welche Route hat meine Reise und wie konsequent sind die Wegmarken gesteckt?

Was, wenn ein kleines Irrlicht oder großes Störfeuer mich den Kopf verlieren lassen, weil ich mir ihre Energie im Positiven wie Negativen zueigen mache – und das vielleicht gar nicht nötig, nicht angemessen und nicht angenehm ist?

Wenn uns Einflüsse von außen so in Beschlag nehmen, liegt das vor allem daran, dass wir uns keine Zeit nehmen. Zeit, etwas zu durchdenken, darauf herumzukauen, zum Wesen der Dinge durchzudringen. Unsere Art zu leben provoziert das ja geradezu. Der Takt wird immer schneller, massiv unterstützt von technischen Errungenschaften, die Dialog in Echtzeit mit der ganzen Welt zulassen. Ein Handlungsrahmen von wenigen Minuten ist in Wirklichkeit ein Korsett, ein Stolperdraht, eine Schlangengrube.

Mal darüber schlafen, in Ruhe darüber nachdenken, das Trauerjahr abwarten – alles Schutzmechanismen vor eilig ausfahrenden Fernzügen, die wir erreichen zu müssen glauben. Doch ein wenig zeitlicher Abstand schützt unsere zarten Seelen. Jeden Tag fährt ein Zug nach Rom – und das schon ewig. Morgen ist ganz sicher auch noch ein Tag, gut Ding will Weile haben und Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.

So kann ich in der Erinnerung noch lange nach seinem Tod von meinem Opa Hans lernen. Spontane Rom-Exkursionen sind doppelt schön, wenn sie mir helfen, ein Ziel zu erreichen, das nicht auf der Landkarte zu finden ist. Gleichzeitig schützt es mich, wenn ich einen Handlungshorizont eröffne, der mir Zeit lässt, zu reflektieren, die ersten Sprühregen des Reptilienhirns sanft verglühen zu lassen, ehe ich den Arm hebe, um zurück zu schlagen, zum Abschied zu winken oder tröstend zu streicheln.

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