fbpx


Herr Rupp und Herr Kapper.

Der Mann mit dem Rollator rollte forsch durch die Fußgängerzone. Er wirkte bei weitem nicht so gebrechlich, wie das Hilfsgefährt auf den ersten Blick suggerierte. Wir kennen zwei Arten von Rollatoren. Solche mit einem Einkaufskorb und solche für Gebrechlichere mit Sitzfläche an gleicher Stelle. Dieser Mann, von dem ich hier berichte, hatte vorne ein Einkaufskörbchen. Daran war ein Schild angebracht: DIN A4 groß, weiß, laminiert, darauf stand, unter einer aufgemalten Stadt-Silhouette „Herr Rupp“.

So ein Kauz, dachte ich, als ich ihm fasziniert nachsah. Er heißt bestimmt Hans-Joachim Rupp, war in einem Ministerium für die Hauspost verantwortlich, vermisst seit seiner Pensionierung die Ansprache und rollt seinen Namen jetzt eben durch die Fußgängerzone. Sein Schwager ist bestimmt der legendäre Herr Kapper, der in den 90ern auf dem Intendantenflur des ZDF den Großkopierer bediente – ach was: verehrte – und mit einer Sorgfalt und Hingabe pflegte, als hinge sein Leben davon ab. Ich habe Herrn Kapper kennengelernt, als ich während des Studiums am ZDF arbeitete. Von ihm habe ich gelernt, wie man einen 500-Blatt-Papier-Packen öffnet und anmutig auffächert, indem man ihn durch die Finger flattern lässt wie ein Akkordeon durch die Oktaven.

Männer wie Herr Kapper und Herr Rupp haben keine Vornamen. Das „Herr“ haben sie sich ü übrigens erst dazu verdienen müssen. Noch in der Ausbildung waren sie ausschließlich beim Nachnamen gerufen worden. Ich erinnere mich an einen alten Sportlehrer meiner Schulzeit, der machte das auch so. Badminton-Stunde: „Könner wie Brennecke, Kapper und Augustin können den Ball auch mit dem Schläger auffangen!“ Da fällt mir auf, dass der Name Kapper schon häufiger in meinem Leben vorgekommen war. Ob die beiden, mein Klassenkamerad und der Hohepriester des ZDF-Kopierers, wohl verwandt sind?

Aber vielleicht war ja alles ganz anders, der Rupp gar nicht der Rupp, sondern der kleine Bruder vom Kapper, mit dem Rollator seines großen Bruders auf dem Weg zum Bahnhof, um dort am Gleiskopf zu stehen und Herrn Rupp abzuholen, einen legendären Taubenzüchter aus Wolfenbüttel, der sich in den Zug gesetzt hatte, um die Kapper’schen Wundertauben zu bewundern.

Der Mann mit dem Rollator, wie er nun auch immer genießen haben mag, war keine unsympathische Erscheinung. Er trug eine weiße Hose aus einem Stoff, der für die kalte Jahreszeit augenscheinlich zu dünn war. Vielleicht war er ja so schnell unterwegs, weil es ihm kalt war. Für den Oberkörper galt das nicht, denn über der zu dünnen Hose trug er einen dicken Lederblouson mit einer Borte mit indianischen Motiven über dem Rücken.

Ich habe noch nie jemanden gesehen, der am Gleiskopf eines Bahnhofs mit einem Namensschild steht, um jemanden abzuholen. Das scheint ein Privileg der Fluggäste zu sein. Wer Zug fährt, verabredet sich beim Schnellrestraurant, an der Modelleisenbahn im Glaskasten oder vor dem Buchladen.

Eigentlich wollte ich an dieser Stelle schreiben, dass ich noch nie im Leben mit so einem Namensschild abgeholt worden war, nicht am Flughafen und schon gar nicht am Bahnhof. Doch zwischen den ersten Notizen zu diesem Text und heute geschah es. Meine Traumfrau und ich waren von Facebook zu deren Konferenz Gather nach Dublin eingeladen worden, mit unseren und vieler anderer Werbeausgaben der vergangenen Jahre zahlten sie uns den Flug und zwei Übernachtungen. So konnten wir mit 400 anderen Unternehmern aus ganz Europa hören, sehen, staunen, lernen, netzwerken – und viel Spaß haben.

Transfer vom Flughafen zum Hotel in Dublin sei vorgesehen, hatten sie geschrieben. Wir hatten mit einem Infoschalter und einem zugigen Bus gerechnet. Umso größer unser Erstaunen, als da ein freundlicher Mann im Anzug stand, der ein iPad hochhielt, auf dem in großen Buchstaben „Augustin“ stand.

Das „Herr“, dachte ich, verdiene ich mir auch noch. Beim Badminton.

Unser Erstaunen war so groß, dass ich alle Auslandserfahrung mit dem damit verbundenen gesunden Misstrauen vergaß. Immerhin saß ich schon einmal in Nigeria gleich nach der Ankunft in Lagos auf der Rückbank eines Taxis in einem sehr dunklen Hinterhof, auf den uns sehr sinistre Gestalten mit sehr automatischen Gewehren gelotst hatten, mit Gepäck und Geld für mehrere Monate. Die Weiterfahrt war teuer – und es hätte damals ganz anders ausgehen können.

Trotz dieser noch immer in meiner Erinnerung lebendigen Erfahrung stiegen wir ohne irgendeine Nachfrage in Dublin in eine schwarze S-Klasse und Paul, so hatte sich der Mann vorgestellt, fuhr mit uns in eine uns fremde Stadt. Wir hatten so viel gepostet, auf Instagram und Facebook, es wäre ein Leichtes gewesen, uns als blauäugige Dublin-Reisende zu entdecken und mit einem schlichten iPad abzuholen. Vermutlich wären wir auch einem Pappschild hinterhergelaufen.

Merke: Eitelkeit frisst Hirn auf.

Herrn Rupp aus der Fußgängerzone mit dem flotten Rollator und der zu kühlen Hose verdanke ich eine weitere Erinnerung. Die an die unglaubliche Zeit der Fußball-WM 2006 nämlich. Das Sommermärchen mit Kaiserwetter, von dem sie heute behaupten, dass der Kaiser irgendwie auch die böse Hexe gewesen sein soll. Ich habe an dem Traum mitgearbeitet, als Fahrer am Spielort Kaiserslautern. Da war ich oft am Frankfurter Flughafen mit schwarzem Anzug, dunkler Brille, Access-all-areas-Pass und Namensschild in der Hand, um Funktionäre abzuholen. Nur S-Klasse hatten wir keine, bei Hauptsponsor Hyundai nicht möglich.

Doch das ist eine andere Geschichte.

Ich finde es spannend, in Gedanken die Lebensgeschichten von Menschen zu zeichnen, denen wir zufällig begegnen. So wie die von Herrn Rupp, von dem ich nicht weiß, ob er wirklich so hieß. War er freundlich oder grantig und wenn ja, was hat ihn dazu gemacht? Ob er wohl glücklich ist mit seinem Rollator, ob er gerne so schnell läuft, ob seine Westernjacke für ihn Ausdruck einer libertäten Grundhaltung ist oder er einfach keine andere besitzt?

Ich bin mir nicht sicher, aber ich könnte eine mittlere Wette wetten, dass Herr Rupp mich kaum merklich anlächelte und wir für einen winzigen Moment Freunde waren.

Ich bin Guido Augustin, Autor, dies ist Guidos Wochenpost. 

Hier diesen Artikel teilen!

Facebook
Twitter
LinkedIn
Instagram
SOCIALICON

close

Hier ganz einfach weitersagen (teilen) ...