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Hurra, ich werde beschimpft!

Mehr als 30 Jahre fuhr ich Auto ohne Werbung. Ein Fehler. Manchmal witzelte ich, das aus gutem Grund zu tun, weil nämlich viele Zeitgenossen mit meinem überlegenen Fahrstil nicht klarkommen. Das ist nun anders und es geschah, was geschehen musste: Kaum ist mein Auto beklebt, wurde ich über eine Messenger-Nachricht beschimpft. Gut so!

Mein Werbetechniker sagt, dass eine gut sichtbare Fahrzeugbeschriftung in einer Stadt wie Mainz pro Jahr zwei Millionen Kontakte bringt. Dennoch war ich damit lange zurückhaltend – bis der süße volare-blaue Fiat Cinquecento kam. Der totale Sympathieträger, ein Auto, dem Menschen fröhlich hinterherwinken, das sie lächeln macht – doch manche eben auch aggressiv.

„Danke für s vorfahrt nehmen newsletter ungleich Realität koennte man ne Newsletter raus machen.“

Diese Nachricht traf mich wie eine Keule, abends per Facebook Messenger. Ich kann es einfach nicht ausstehen, angemault zu werden. Ich werde lieber gemocht als gescholten, vielleicht bin ich es auch nur nicht gewohnt.

Exkurs zu meinem Fahrstil: Ich fahre nicht aggressiv. Ich habe lediglich eine tiefe Sehnsucht nach optimalen Prozessen. In der Praxis bedeutet dies, dass ich beispielsweise ungern bremse. Einmal, lange her, pfiff mich ein Meister bei Mercedes an, ich solle doch mehr bremsen, die Bremsscheiben seien ganz verrostet. Ungern, sagte ich. Stehe ich vor der Wahl, wer bremsen soll, entscheide ich mich meist für meine Verkehrsteilnehmer. Ich erinnere mich gut an frühe Fahrten mit meiner Mutter, die als Beifahrerin den Griff über der Tür so fest packte, dass ihre Fingerknöchel weiß wurden.

Allerdings – und das ist wichtig – rege ich mich praktisch nie auf beim Autofahren. Ich wundere mich täglich, dass andere Verkehrsteilnehmer ihr Fahrzeug kaum beherrschen, seine Maße nicht kennen und Entfernungen nicht abschätzen können. Dennoch regen sie sich über andere auf. Über Fahrer wie mich beispielsweise. Ich muss oft lachen, wenn andere hupen, fluchen, Vogel zeigen, bloß weil ich mein Auto durch eine Lücke gelenkt habe, durch die mein Auto passte, was sie sich nicht vorstellen konnte.

Ich fahre seit vielen Jahren unfallfrei – schuld waren immer die anderen. Exkurs Ende.

Vor der Werbebeklebung war es mit der freundlichen Kontaktaufnahme vorbei, sobald einer von uns außer Hörweite war. Der gemeine Wutbürger droht mit Prügel, Presse, Anzeige, macht aber nichts. Will nur spielen.

Nun also die wütende Messenger-Nachricht: „Danke für s vorfahrt nehmen newsletter ungleich Realität koennte man ne Newsletter raus machen.“

Erster Gedanke: Ich geh mit dem Föhn raus und rubbel das ab. Doch dann erinnerte ich mich erst an die Worte des Werbetechnikers. Zwei Millionen Kontakte. Die lasse ich mir doch wegen eines Legasthenikers nicht entgehen – auch wenn er wahrscheinlich nur orthografisch aus der Kurve getragen wurde, weil er eine solche fuhr, während er mich beschimpfte. Und dann erinnerte ich mich an meine eigenen Worte.

Wir wollen, so pflege ich einen wichtigen Kommunikationsaspekt zu erklären, Menschen erreichen. Dazu ist Kommunikation da. Um Menschen wirklich zu erreichen, müssen wir sie emotional erreichen. Denn dort entsteht Sympathie, da werden Weichen gestellt, da fallen die Entscheidungen. Und jetzt kommt der entscheidende Dreh: Wenn wir Menschen positiv emotional erreichen wollen, müssen wir in Kauf nehmen, dass wir eine Minderheit negativ emotional erreichen. Das müssen wir aushalten lernen.

Praxisbeispiel: Wenn ich eine Facebook-Anzeige schalte, kommen Kommentare. Da sind immer (immer!) auch saudumme Kommentare dabei. Die sind im besten Fall unwitzig, obwohl enorm witzig gemeint, im schlechtesten Fall beleidigend, aggressiv, übergriffig. Die schweigende Masse steht dem neutral gegenüber, einige, immer mehr, viele finden es gut. Tun, was sie sollen, weil sie bekommen, was sie wollen. Wäre also keine gute Idee, wegen einiger weniger renitenter Trottel das große Ganze aufgeben.

Angegriffen zu werden, ist nicht schön und nicht emotional zu reagieren schwer. Doch den Kunden mit dem Bade auszuschütten wäre falsch.

Tatsächlich ist es genau umgekehrt: Wenn ich angegangen werde, habe ich es geschafft. Dann habe ich Menschen emotional erreicht. Und eines ist sicher: Wer einige wenige negativ berührt, hat den Weg in die Herzen vieler geschafft. Du wirst beschimpft? Herzlichen Glückwunsch!

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