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Optimisten sterben früh.

Immer habe ich gerne mein Kreuzchen bei „Optimist“ gesetzt. Doch jetzt bin ich auf das Stockdale-Paradoxon gestoßen, dessen Namensgeber versichert, dass Optimisten früher sterben. Nicht akzeptabel, lange nachgedacht. Weil ich nicht früh sterbe und dennoch Optimist bleibe, brauchte ich eine Formel. Hier ist meine Typologie des Optimismus in vier Teilen.

Viele meiner Leser kennen mich noch als Berufsoptimisten, denn lange hatte ich in sozialen Netzwerken als Berufsbezeichnung „Apfelbäumchen pflanzen“ stehen – mein Leser Reto aus der Schweiz hat mich dieser Tage daran erinnert. Das Bonmot war meine Referenz an das berühmte Luther-Zitat, dass er, wenn die Welt denn unterginge, ein Apfelbäumchen pflanzen wolle. Offenbar war Schin zu Luthers Zeiten der nahende Weltuntergang ein Dauerbrenner.

Doch zunächst die Geschichte Jim Stockdales, der dem Paradoxon seinen Namen gab. Der war nämlich einer der höchstdekorierten Offiziere der US-Marine. Während des Vietnam-Kriegs ertrug er mehrere Jahre in Kriegsgefangenschaft unter Bedingungen, die ich mir nicht vorstellen, geschweige denn zu Papier bringen mag. Nicht alle seiner Kameraden überlebten das – und als der Bestsellerautor James C. Collins ihn für sein Buch „Good to Great“ fragte, was jene gemeinsam hatten, die diese Hölle eben nicht überlebten, antwortete er ohne zu zögern: Die Optimisten!

Die Optimisten, so die Erläuterung des Admirals, hätten damit gerechnet, an Weihnachten wieder zuhause zu sein. Doch Weihnachten kam, Weihnachten ging, aber sie waren noch immer in der Gewalt ihrer Peiniger. Dann hätten sie sich gesagt, an Ostern wieder zuhause zu sein. Doch Ostern kam, Ostern ging, aber sie blieben Kriegsgefangene. Und so ging das immer weiter. Schließlich seien sie an gebrochenem Herzen gestorben.

Er dagegen habe nie den Glauben („Faith“) verloren, jedoch auch seine Situation sehr realistisch betrachtet, nichts beschönigt. So entwickelte er ein Klopfsystem zur Kommunikation untereinander, mentale Techniken, um die Folter besser zu ertragen und einen Code, über den er seiner Frau in vermeintlich unverfänglichen Briefen brisante Informationen geben konnte.

Die Lehre aus dem Stockdale-Paradoxon: Glaube an das Gute, aber erkenne das Böse.

Dem widerspricht der Optimist Nummer Eins, der Träumer. Ihn prägt ein unerschütterlicher Wunderglaube, der genau das braucht, um sich zu bewahrheiten: Ein Wunder. Er ist der Vogel Strauß, der den Kopf tief in den Sand steckt. Leider schaut dabei sein größtes Körperteil hinaus und lädt Peiniger zu kräftigen Tritten ein. So sind die Erfolgschancen schlecht – in einem vietnamesischen Kriegsgefangenenlager und anderswo.

Etwas besser steht es um den passiven Optimisten. Er glaubt fest an den guten Ausgang und schätzt zugleich die eigene Lage gut ein. Doch er ist nicht fähig oder willens, selbst etwas dafür zu tun, dass sich sein Glaube erfüllt. Klassischer Satz: „Das wird schon.“ Wird meist aber nicht – zumindest nicht von alleine.

Anders der aktive Optimist – wie ich glaube, die größte Gruppe, deswegen hier etwas ausführlicher. Der sieht den Missstand, in den er sich gebracht hat und handelt bewusst, um da wieder rauszukommen. Das Blöde: Er macht weiter genau das, was ihn in diese Lage gebracht hat und verzweifelt daran, dass die Ergebnisse trotzdem immer die gleichen sind.

Von außen ist das immer gut zu erkennen, von innen nur schwerlich. Wie mein Freund, der wegen Rückenschmerzen einen Termin mit mir absagte. Ich fragte ihn, ob er denn wissen wolle, wie ich es geschafft habe, als Bandscheinvorfallprofi seit Jahren nicht einmal mehr Rückenschmerzen zu haben. Ja, wollte er. Ich erzählte ihm von meiner Chiropraktorin Monika Berger, die in Kanada studiert hat und meinem EMS-Fitnesstraining bei Bodystreet in Mainz. Ob er das denn nicht auch mal probieren wolle? Ja, gerne, aber erst gehe er mal zu seinem Physio, wie er das immer mache bei Rückenschmerzen. Von außen so offensichtlich: Immer wieder mit dem Kopf gegen die Wand und sich wundern, dass es wehtut und die Wand stehen bleibt.

Die Königsklasse der Optimisten dagegen nenne ich gerne die Apfelbäumchenpflanzer. Denn sie stehen fest im Glauben, dass die missliche Situation sich zum Guten wendet, zu Ende geht oder beherrschbar ist. Sie tun etwas, damit dies auch geschieht – und zwar nachdem sie die Situation analytisch erfasst, betrachtet und für sich bewertet haben. Ihre Maßnahmen sind nicht leicht, manchmal auch nicht naheliegend, aber nach reiflicher Prüfung erfolgversprechend. Womöglich fielen einem vor dem drohenden Weltuntergang Myriaden von Maßnahmen ein, die besser scheinen als ein Apfelbäumchen zu pflanzen. Doch dieses unauslöschliche Symbol der Hoffnung steht in unserer Welt für den kleinen Schritt hin zum Licht, den ersten Meter zum Gipfel, den ersten Kratzer in der Gefängnismauer.

Bitte lasst uns Optimisten bleiben, Apfelbäumchen pflanzen, dabei alt und weise werden und nie den scharfen Blick auf uns und alles, was uns umgibt, verlieren.

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